WEIRD FICTION NEW YEAR SPECIAL 2004

8. Dezember 2007
von

Die Spezialausgabe zum Neujahr 2004 dokumentiert die unheimliche Suche nach jener unheilvollen Gestalt, die ein jedes Jahr durch unsere Straßen eilt, um Zwietracht und Schrecken zu verbreiten. Der Silvestermann ist schreckliche Wirklichkeit und dies wird dokumentiert in Schriftstücken von Matthias Kempke, Sandra Kempke-Schneider, Dirk M. Jürgens und Sebastian Kempke.

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Vorwort

Werte Leserinnen und Leser!
Nun ist nicht gerade mal eine Woche vergangen und das Weird Fiction Team liefert Ihnen auch schon die nächste Ausgabe des Weird Fiction Magazins. Oft kopiert, nie erreicht und immer wieder sehnsüchtig erwartet.

Auch diesmal erwartet Sie wieder ein Special, auch diesmal wieder eine Fülle an Folklore, Bildern und Nachrichten zu einem bestimmten Thema.

Wir schmücken uns dieses Mal jedoch mit fremden Federn, und können uns nur mit der gelungenen Recherche rühmen. Wir haben uns nämlich zur Aufgabe gemacht eine schleswig-holsteinische Sagengestalt aus dem Schatten des Schimmelreiters hervorzuholen: Den Silvestermann, welcher in der Silvesternacht bei Einbruch der Dunkelheit kommt, um in den Stunden bis Sonnenaufgang am Neujahrstag Angst und Schrecken zu verbreiten.

Doch keine Angst, wenn Sie sich zum Jahreswechsel im hohen Norden aufhalten und hinter den Fenstern eine zwielichtige Gestalt in Mantel und Hut sehen. Treten Sie ruhig ein, denn in diesen Häusern sind Sie am sichersten. Es gehört zum hiesigen Brauchtum ein Abbild des Silvestermannes aufzustellen um den bösen Geist fernzuhalten.

Auch wir werden uns jetzt an die Arbeit machen und die Puppe aufstellen. Ich gebe meinen Mantel, wir nehmen Großvaters Hut und stecken ihm die Flaschen in die Tasche (der Silvestermannfigur, NICHT dem Großvater), die wir alle im Kreise der Familien in der Weihnachtswoche gepichelt haben.

Etwas Zeit haben Sie noch!

Allen, die es bis dahin schaffen:

Einen Guten Rutsch ins neue Jahr!

Sandra Schneider

Die Legende vom Silvestermann

zusammengetragen von Dirk M. Jürgens und Sebastian Kempke

Luftschlangen in der Nase, Böller in der Hand
Der Silvestermann zieht durch das Land.
Hütet die Kinder, hütet die Tier’
Denn heut kommt der Silvestermann zu dir!
(Volksgut)

Zu den unbekannteren des deutschen Volksglaubens gehört der berüchtigte Silvestermann, um den sich in Norddeutschland zahlreiche Legenden ranken. Trotz erheblichen Bemühungen der Kirche, den vermutlich auf einen heidnischen Geisterglauben beruhenden Mythos vom Silvestermann auszumerzen, hat sich der Glaube an diese düstere Gestalt bis heute gehalten.

Unbekannten Quellen zufolge handelt es sich um eine eher kleine, dürre Gestalt in einem zu großen Mantel, deren blasses, faltiges Gesicht im Schatten ihres Hutes verborgen ist. Der Silvestermann hat einen schlurfenden Gang, murmelt wütend vor sich hin und verbreitet einen unangenehmen Geruch von Schwefel und Alkohol. In neueren Erzählungen wird außerdem von Luftschlangen berichtet, welche ihm aus der Nase hängen und einigen Glasflaschen, die ihm aus der Tasche ragen, und welche er auf Straßen und Wegen zu zerschlagen pflegt. Anders als andere Geister – welche ja traditionell durch Böllerschüsse (oder früher Peitschenknallen) vertrieben werden – gefällt dem Silvestermann Lärm, weswegen man in ländlichen Bereichen oft Abstand von Feuerwerken nimmt, um ihn nicht anzulocken.

Die erste Erwähnung findet er in den Schriften des Ludewig von Wanderswald im 15. Jahrhundert: „So isset unter den eynfachen Leut die Mär, das in der Nacht von Sylvester auf Neujahre eyne erschröckliche Gestalt durche die Straßen schleychet, welche man den Sylvestermanne nennet.“
Einer germanischen Sage zufolge handelt es sich bei dem Silvestermann um einen Edelmann, der Odins Zorn erregte und seitdem zu einer Existenz als Geist verdammt ist und dem es nur an einem einzigen Tag im Jahr gestattet ist, auf die Erde zurückzukehren. In dieser vorchristlichen Geschichte ist freilich keine Rede vom Silvesterfest, welches zu dieser Zeit ja noch nicht existierte. Einer anderen Legende nach war der Silvestermann zu Lebzeiten einer der ersten westlichen Feuerwerker, der bei einem Arbeitsunfall ums Leben kam. Der Kieler Theologe Ernst Storm erklärte 1768, der Silvestermann sei der Brudermörder Kain, der einst verdammt wurde, bis zum Tag des Jüngsten Gerichtes auf Erden zu wandeln. Storm zog die Geschichte jedoch zurück, als ihm der Bischof mit Exkommunizierung drohte, sollte er diese „heidnischen Märchen“ weiter unterstützen.

Selbst der preußische König Friedrich Wilhelm I. lobte seine legendären „langen Kerls“ einmal mit den Worten, sie würden über den Feind kommen „wie der Silvestermann höchstpersönlich“. Auch Goethe notierte auf einer seiner Reisen in seinem Tagebuch belustigt, die Landbevölkerung durchlebe jedes Jahresende in Furcht vor einem Dämon, welcher die Silvesternacht unsicher mache.
Der Mythos erlangte eine solche Popularität, dass ihn sich sogar die Propagandamaschinerie des Dritten Reichs zunutze machen wollte: So beauftragte Adolf Hitler 1944 seine Deutsche Zeichenfilm AG damit, einen Film über den „Sylvesterjud“ zu drehen, eine Idee, welche Josef Goebbels vergeblich versuchte seinem Führer auszureden. Durch die Bombardierung Berlins wurde das Vorhaben jedoch im Keim erstickt, so dass heute nur wenige Versuchsskizzen erhalten sind.

Trotz der Fülle an Geschichten und Legenden die sich um ihn ranken, weiß niemand, was denn nun eigentlich den Schrecken des Silvestermannes ausmacht. Es heißt zwar er liebe es, Feuerwerkskörper nach Kindern zu werfen und auch die Scherben seiner Flaschen sind zweifellos ein Ärgernis, doch kaum ausreichend, seinen dämonischen Ruf zu erklären. Zwar heißt es über ihn, wie über jedes „pädagogische Monster“ (zu denen er zumindest vom Kinderpsychologen Hans Joachim Gröner gezählt wird) er fresse ungezogene Kinder, doch es ist nicht ein solcher Fall dokumentiert.
Aufschlussreicher erscheint da die Geschichte des vorwitzigen Lübecker Junkers, welcher am Silvesterabend die Verfolgung des Geistes aufnahm, um herauszufinden woher er käme und der, so heißt es, am Neujahrsmorgen mit schneeweißem Haar und verwirrtem Geist aufgefunden wurde.

Eine wohl eher scherzhafte Geschichte erzählt der Journalist Johannes Krause, demzufolge der Silvestermann in Wahrheit Knecht Ruprecht ist, der aufgrund mangelnder Popularität Silvester als eigenen Feiertag in Anspruch nahm um dort Rache an Leuten zu nehmen, die ihre Weihnachtsgeschenke umtauschen. Von ihm stammt auch folgender Vierzeiler:

Fürchte Blitz, fürchte Knall
– Der Silvestermann ist überall!
Im hellen Scheine von bunten Raketen
Erschlägt er dich mit umgetauschten Weihnachtspaketen.

Heute hat die Bekanntheit des Silvestermannes enorm nachgelassen, selbst in seinem Ursprungsland Schleswig-Holstein wissen nur noch wenige von seinem Mythos. Allerdings trifft man noch immer vereinzelt den Brauch, Puppen des Silvestermannes anzufertigen um ihn so fernzuhalten. Doch die Bedeutung dieses Brauchtums ist den meisten Menschen genauso unbekannt, wie der Ursprung der zahlreichen Kinderlieder, welche vom Silvestermann erzählen.

Luftschlang flieg! Böller krach!
Der Silvestermann schleicht durch die Nacht!
Er trägt ‘nen Mantel, er trägt ‘nen Hut
Der Silvestermann tut niemandem gut!
(Volksgut)

Quellen:
Wanderswald „Lexikalität der Dynge, die da schleychet durch die Nacht“, Kapitel 4, Seite 53.
Frühlingswerd „Die Sagenwelt der Germanen“, Kapitel 12, Seite 165.
Gröner „Die Ungeheuer der Etikette“ Kapitel 1, Seite 23.
Gustav Kundrisson „Lübecker Sagen“ Kapitel 6, Seite 121.


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Jacob Kordes – eine vergessene Geschichte
recherchiert von Matthias Kempke

Im Jahre 1621 schrieb der Schleswiger Pastor Jacob Kordes mehrere mysteriöse Botschaften nieder. Bevor er in der Silvesternacht des selben Jahres unter seltsamen Umständen verschwand verfasste er die folgenden Zeilen.

“Es heisst, dass Papst Silvester einen Drachen bezwungen und damit das Christentum gestärkt habe. Nach diesem großen Mann ist nun das Silvesterfest benannt; auf dass das Heidentume vom Angesicht der Welt verschwinde.

Doch es heisst auch, dass sich am letzten Lebenstage des Papstes ein Schatten gezeigt habe. Es hiess der Drache sei zurückgekehrt. Als dürre, kleine Gestalt angetrieben vom Hass der vergessenen und verdammten Götzen zeigt er sich derweil an jenem Tag des Jahres der seinem Bezwinger geweiht ist. Und in jedem Jahr wächst mit der Zahl jener, die vom rechten Glauben abfallen, die Macht des Schattens. Noch ist er zu schwach das Tor am Ende der Silvesternacht zu durchschreiten. Doch ist im Volke die Furcht vor ihm zu groß geworden, seine Macht durch Unglaube erstarkt, so übersteht er die Geburt des ersten Tages ohne Schaden.

Sieht man ihn dann im ersten Lichte des neuen Jahres – endet die Welt.”

Wissenschaftler sind sich nicht einig darüber wie diese Prophezeiung zu deuten ist.

Aus der Presse – Spuren einer Legende
gesammelt von Dirk M. Jürgens und Sandra Schneider

Hamburger Morgenblatt vom 29.12.1999

Skelett aus Ostsee gezogen

Kiel (Räuters) – In der Nacht zum Donnerstag wurde in Laboe/Schleswig Holstein eine skelettierte Leiche von einem Fischerboot geborgen. Der Sprecher der Kieler Polizei, Knut Sörensen, bestätigte, dass es sich um den Körper eines Mannes handelte, der in einen Mantel gehüllt war. In den Taschen des Mantels befanden sich mehrere Flaschen. Die Polizei vermutet, dass es sich um einen Selbstmord handelt. „Das wäre nicht das erste mal, dass wir einen Alkoholiker kurz nach Weihnachten aus dem Wasser ziehen.“, so Sörensen.

Hamburger Morgenblatt vom 30.12.1999

Ostseeleiche doch ermordet?

Kiel (Räuters) – Bei dem männlichen Skelett, das in der Nacht zum Donnerstag von Fischern in der Ostsee vor Laboe entdeckt wurde, handelt es sich nach Aussage des Sprechers der Kieler Polizei, Knut Sörensen, nicht um einen Selbstmord. Bei der Obduktion der Leiche wurde Papier tief in den Nasennebenhöhlen gefunden. Bei der chemischen Analyse des Papieres stellte sich heraus, dass es sich um Luftschlangen handelt. „Die wird er sich wohl kaum selber reingestopft haben“, ließ Sörensen bei der gestrigen Pressekonferenz verlauten. Zudem verkündete Sörensen, die Bildung der „SOKO Silvestermann“, welche sich mit der Aufklärung des mysteriösen Falles befassen wird.

Hamburger Morgenblatt vom 02.01.2000

„Silvestermann“ aus Gerichtsmedizin verschwunden

Kiel (Räuters) – Die Leiche des unbekannten Mannes, die in der Nacht zum Donnerstag aus der Ostsee geborgen wurde und aufgrund des Funddatums mittlerweile in der Gegend um die Kieler Förde als „Silvestermann“ bekannt geworden ist, ist gegen Sonntag Abend aus dem Pathologischen Institut verschwunden. „Wir stehen vor einem Rätsel“, so Knut Sörensen, Sprecher der Kieler Polizei. Zudem häuften sich bei mehreren örtlichen Polizeidienststellen in der Silvesternacht Beschwerden über einen Mann in einem bodenlangen Mantel, aus dessen Taschen Flaschen ragten. Dieser soll Frauen belästigt und Kinder mit Feuerwerkskörpern beworfen haben. Die Polizei geht davon aus, das es sich um einen Trittbrettfahrer handelt. Obwohl allen Anrufen nachgegangen wurde, fehlen sowohl von dem nächtlichen Angreifer, als auch von der Leiche jede Spur.

Kieler Blick vom 02.01.2001

Bizarres Massaker bei Silvesterfeier

Hambug (dpd) – Ein grausiger Anblick bot sich am Silvesterabend den Besuchern von „Pias Feiertagstreff“, als sie am frühen Abend die Veranstalterin Pia M. und ihre Assistenten Jutta L. und Lasse P. auf grausige Art ermordet fanden. Wie ein Polizeisprecher mitteilte, fesselte der Täter die drei zuerst mit Lametta, klemmte ihnen dann die Münder mit den Klemmen von Tannenbaumkerzenhaltern zu, stopfte sie anschliessend in einen bereitstehenden Julklab-Sack und trampelte sie darin zu Tode.

„Pias Feiertagstreff“ war seit mehreren Jahren eine beliebte Veranstaltung, bei der man sich zu Silvester traf, feierte und dabei mittels des Julklab-Sackes unerwünschte Geschenke miteinander tauschte. Ein Motiv für die Morde konnte bislang nicht entdeckt werden. Augenzeugen beschrieben eine kleinwüchsige Gestalt mit grauem Mantel und Schlapphut, welche am Tatort gesehen wurde. Sachdienliche Hinweise nimmt jede Polizeidienststelle entgegen.

Holsteinischer Kurier vom 02.01.2002

Schwerverletzter bei Verkehrsunfall

Neumünster (dpd) – In der Nacht zu Neujahr kam es gestern zu einem Unfall, bei dem ein Fußgänger von einem Taxi angefahren und schwer verletzt wurde. Nach Angaben der Polizei scherte der Wagen plötzlich nach links aus aus und geriet so auf den Bürgersteig. Der Fahrer gab an, von einer kleinen Gestalt in einem Mantel, die plötzlich auf der Fahrbahn erschien, gerammt worden zu sein. Tatsächlich wies der Wagen eine starke Delle an der Beifahrertür auf, für welche die Polizei bislang keine Erklärung hat.

Husumer Postillion vom 02.01.2003

Gefesselt durch die Silvesternacht

Husum (Räuters) – Eine unbequeme Neujahrsnacht verbrachte der Spielzeug- und Scherzartikelhändler Cornelius F., nachdem kurz vor Geschäftsschluss ein gedrungener Mann von etwa 1,60 m den Laden betrat. Der scheinbar stark Alkoholisierte beschimpfte ihn unzusammenhängend, da ihn scheinbar eine Werbetafel mit dem Bild eines grinsenden Silvestermannes mißfiel. Als Herr F. sich weigerte, die Tafel zu entfernen, wurde der Fremde handgreiflich, schlug ihn zu Boden und fesselte ihn mit den, im Laden reichlich vorhandenen Luftschlangen. Anschließend zertrümmerte er die Werbetafel und verließ das Geschäft. Erst gegen Mittag des Ersten gelang es Herrn F., durch lautes Rufen Passanten auf seine Lage aumerksam zu machen.

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