Zu Weihnachten lieferten wir 2004 ein buntes Paket mit einer Geschichte von Dirk M. Jürgens, in der sich ein einsamer Gesetzloser in den Tiefen des Weltalls vor seinen Häschern versteckt. Auf einem kleinen Planetoiden wähnt er sich in Sicherheit, doch es gibt einen Mann, der ihn selbst hier aufspüren kann… Dirk nannte diese Geschichte “Ein Weihnachtslied in Binären”.
Dazu gab es das damals aktuelle Kapitel der mittlerweile abgeschlossenen Fortsetzungsgeschichte “Saure Gurken Zeit”: “Gespritzte Gurken” von Matthias Kempke. Ein alter Mann sehnt sich nach Ruhe – und ihm ist jedes Mittel recht, um sie zu verbreiten.
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Vorwort
Ladies and Gentlemen!
Ich fühle mich sehr geehrt heute in die Wichtelklamotten schlüpfen zu dürfen, um Ihnen die erste Ausgabe der Weird Fiction Special Edition unter den Weihnachtsbaum legen zu können. Und wir wollten uns auch nicht lumpen lassen und werden es Ihnen so richtig satt geben.In der diesjährigen Weihnachtsedition begegnen Sie einem allzu fürsorglichen Weihnachtsmann und einem Rentner, der sich seine Weihnachtsruhe auf gar keinen Fall nehmen lässt! Das ganze mit einem großartigen Artwork von Shiyo Sunderland als Cover, dem Mitbegründer von Studio Sunderland, von dem man in Zukunft noch einiges sehen wird.
Ausserdem freuen wir uns auf Matthias Kempke, der mit der frischesten, unblutigsten und trotzdem eine der mörderischsten Folgen von “Saure Gurken Zeit” seinen Einstand bei Weird Fiction liefert.
Wir lieferten Ihnen die Vorlage für ein glückliches Weihnachtsfest, sehen Sie zu, was Sie daraus machen!
Viel Erfolg
Sandra Schneider
Ein Weihnachtslied in Binären
Von Dirk M. JürgensDas Dröhnen eines landenden Raumschiffs riss Mad Billy Marquard aus seinem unruhigen Schlaf. Sofort griff er zu seinem Photonenrevolver und sprang auf, um nachzusehen, wer der Besucher war.
Ein rot lackierter Raketenschlitten landete mitten in der Steinwüste vor Billys Versteck, der Pilot trug eine rote Titaniumrüstung, an Gürtel, Ärmeln und Stiefeln waren Borten weißen Kunstfells befestigt, ein Helmbusch demselben Material vervollständigte die absurde Erscheinung.
Seit Mad Billy vor einem halben Jahr auf diesem namenlosen und ansonsten unbewohnten Planetoiden untergekommen war, hatte er keine anderen Menschen gesehen. Natürlich war die Einsamkeit auf Dauer hart zu ertragen, aber als, mit siebzehn Jahren, Jüngster auf der Liste der Meistgesuchten war es für ihn ratsam, jeden Kontakt zu vermeiden – die 50.000 Units, die auf seinen Kopf ausgesetzt waren, machten jeden zu einem potentiellen Feind.
„Ho ho ho!“ rief der Fremde. “Ist hier jemand?”
Billy beschloss, das Risiko einzugehen und sich zu zeigen, der Fremde sah nicht wie ein Kopfgeldjäger aus. Sollte dieser Eindruck täuschen – nun, dann würde Billys Revolvergriff wohl eine weitere Kerbe aufnehmen müssen.
Die Waffe in der Tasche versteckend trat er aus seiner Höhle und winkte dem bizarren Rotgekleideten zu.
„Ach hallo. Also doch jemand hier!“ Der Fremde wuchtete einen großen, mehrfach geflickten Sack von seinem Gefährt und trat näher. Er entpuppte sich bei näherem Hinsehen als ein dicker Mann mit weißem Bart und roter Nase, der trotz seiner modernen Weltraumrüstung irgendwie altmodisch wirkte.
„Haben Sie sich verflogen?“ gab sich Billy leutselig. „Hier kommt sonst nie einer vorbei.“
„Oh nein, nein.“ Entgegnete der Alte. „Ich komme ziemlich rum…sag mal, Junge…hast du nicht vielleicht einen Drink für einen alten Reisenden? Glühwein wäre gut, gerne auch ein paar Kekse.“
Blitzschnell überdachte Billy die Situation: Der Alte hatte eine Menge Gepäck dabei, es wäre sinnvoll, herauszufinden, ob etwas von Wert dabei war. Wenn ja, dann wäre die Reise des Alten hier zuende, wenn nicht, so war es besser, ihn ziehen zu lassen. Man konnte nie wissen, wer ihn vermisste, und Billy hatte nicht vor, für einen Sack voll Gerümpel die Polizei auf seine Spur zu locken.„Ah, das tut gut!“ seufzte der Alte genüsslich, und lehnte sich zurück. Billys Höhle war zwar nur notdürftig eingerichtet, doch sie verfügte über eine Heizung und einen kleinen Vorrat an Bourbone, an dem sie sich nun gütlich taten.
Ziemlich erbärmlich, wenn man bedachte, dass er sein Exil einem Banküberfall mit vier Toten verdankte, doch nachdem er bei der Flucht aus einem drittklassigen Motel (die einen weiteren Toten forderte) seine Beute zurücklassen musste, sah er sich gezwungen, etwas kürzer zu treten.
„Und?“ fragte er wie beiläufig. „Was machen Sie so beruflich?“
Ein Hauch von Stolz fuhr über das Gesicht des Fremden: „Nun,…ich bin der Weihnachtsmann!“
„Wer bitte?“
„Der Weihnachtsmann. Ich ziehe jedes Jahr am vierundzwanzigsten Dezember los, um den artigen Kindern Geschenke zu bringen.“ Er nahm einen weiteren Schluck. „Ich gehe auf den Heiligen St. Nikolaus zurück und habe ursprünglich armen Leuten milde Gaben in die Stiefel gesteckt.“ – „Ah, so `ne Art Heilsarmee-Nummer?“
Nachdenklich wiegte der Weihnachtsmann den Kopf. „Ja…könnte man so sagen. Aber das ist schon ewig vorbei. Als das Christentum aus der Mode kam, verlagerte sich meine Arbeit mehr in…hm bürgerliche Bereiche. Genauer gesagt: ich bringe artigen Kindern Geschenke. Viele Geschenke!“
Eigentlich wollte Billy hier eine Floskel einschieben, doch der Alte ließ ihn nicht zu Wort kommen, da ihm das Thema scheinbar wirklich auf der Zunge brannte.
„Das ist ein verdammt harter Job, kann ich dir sagen. Die Menschen haben sich vermehrt, das glaubt man gar nicht. Umso schlimmer, dass nach meinen Kriterien jeder unter achtzehn als Kind gilt und dank antiautoritärer Erziehung und so praktisch jeder als artig durchgeht. Von den riesigen Entfernungen zwischen den Planeten mal gar nicht zu reden.“
Billy begann, ernsthaft am Verstand des Alten zu zweifeln und wünschte, er würde bald verschwinden. Er hielt es für relativ unwahrscheinlich, dass Irre für gewöhnlich etwas wertvolles bei sich hatten.
„Früher hatte ich ja wenigstens noch meine Werkstatt am Nordpol, wo ich `n bisschen was selber machen konnte, aber dank Treibhauseffekt muss ich heute alles extra kaufen. Meine Güte, du kannst dir nicht vorstellen, was mich das jedes Jahr kostet!“
Bei diesen Worten horchte Billy auf, sollte der alte Spinner Geld dabei haben?
„Und wie kriegen Sie das ganze Geld zusammen?“
„Na ja…ich ab ja wenigstens meine Liste, wo die Namen und Adressen von allen artigen und unartigen Kindern draufstehen…“
„Ich versteh nicht ganz.“
Der Alte griff in seinen Sack: „Ich zeig’s Ihnen.“
Auf einmal hatte er einen Kaliber 7 Neutronenblaster in der Hand, seine freundlichen Augen wirkten plötzlich eiskalt.
„Mad Billy Marquard – du warst dieses Jahr sehr unartig!“
Billy versuchte noch, seinen Revolver zu ziehen, doch mit seinen seit Ewigkeiten geübten Reflexen war der Alte schneller.Sorgfältig verpackte der Weihnachtsmann Billys abgetrennten Kopf in Plastikfolie. Von der Prämie konnte er eine Menge Geschenke für eine Menge artiger Kinder kaufen.
Er steckte den Kopf zu den anderen in den Sack und lud ihn wieder auf seinen Schlitten.
Der nächste Name auf seiner Liste war Gabriella Macucci, die „Schwarze Witwe von Makrilon 3“, auf ihren Kopf war die stolze Summe von 100.000 Units ausgesetzt. Wenn er sie hatte, würde es für dieses Jahr reichen.Dann konnte es endlich Weihnachten werden!
“Gespritzte Gurken”
(Saure Gurken Zeit #11)
von Matthias KempkeHerr Schnitzler strengte sich an die drei Stufen des roten Busses zügig zu erklimmen, denn es war jeden Moment damit zu rechnen, dass die Linie 7 Richtung IKEA ruckartig anfuhr und damit alle unvorbereiteten Rentner wie eierschalfarbene Kegel zu Boden schickte. Der alte Mann liess sich erschöpft auf einen freien Sitz sinken und wischte sich den Schweiss von der Stirn; diesmal hatte er es noch rechtzeitig geschafft. Augenblicke später schlossen sich die Türen des Busses selbsttätig und der Bus setzte sich in Bewegung – eine ältere Dame, die ihre Geldbörse auf dem Fahrkartenentwerter abgelegt hatte und nun beidhändig das Kleingedruckte auf ihrem Fahrschein studierte statt sich einen der begehrten Plätze unter dem Kreuzaufkleber zu sichern, verlor das Gleichgewicht und begrub drei überraschte Grundschüler unter sich.
Dieser Anblick von Inkompetenz und Unruhe war Herrn Schnitzler unerträglich. Er verabscheute Hektik. Lautes Rufen und schnelle Bewegungen brannten wie ein Stachel in seiner Seele. Und daran hatte sich bis zum heutigen nichts geändert. Doch er hatte schon während seines Medizinstudiums hatte er eine ganze Reihe von Mitteln gefunden, die ihm halfen mit diesem Problem umzugehen. Dem alte Mann, dessen Nachbarn – hätte man sie gefragt – ihn als ruhigen und höflichen Herren bezeichnet hätten, war es gelungen in den letzten Jahrzehnten vielen lauten und stürmischen Mitmenschen das goldene Prinzip der Ruhe zu lehren.
Draussen zog die Kulisse einer großen Stadt vorbei. Als sich beständig Autos und Passanten in sein Blickfeld schoben und wenige Sekunden später wieder daraus verschwanden überfiel den alten Fahrgast eine unangenehme Müdigkeit. Herr Schnitzler wandte den Blick ab; er griff in die Innentasche seiner Jacke und zog ein kleines ledernes Etui hervor. Dann öffnete er den mittlerweile etwas schwerläufigen Reißverschluss und klappte das Etui auf. Er strich behutsam mit seinen faltigen Fingern über die Spritze und die beiden gläsernen Ampullen.
Ja, die wilde Studentenzeit. Damals hatte er sich gar nicht entscheiden können wo er mit seiner Arbeit beginnen sollte. Oder besser gefragt – mit wem. Es gab politisch aktive Studenten, partysüchtige junge Menschen und alte fischäugige Dozenten, die ebenfalls seinem Verlangen nach Ruhe entgegenstanden. Gaudeamus Igitur. Seit jener Zeit betrieb er sein Hobby mit einer beachtlichen Regelmäßigkeit. Denn: Steter Tropfen höhlt den Stein und gut Ding will Weile haben. Übung benötigte er nicht. Seine unterschiedlichen Mixturen waren immer sehr erfolgreich gewesen. Nun, zugegeben, erst nach dem dritten Mal hatte er sich an das Ende gewöhnt. Das Ende konnte manchmal grausam sein. Das zweite Mal hatte er mit einer Studentin erlebt, die nach einer Feier ausfallend wurde und sich zu ihm hingezogen fühlte. Dass sie aus der Nase und den Augen zu bluten begann und sich so heftig erbrach, dass auch er sich übergeben musste, damit hatte er nicht gerechnet. Mittlerweile fand er es jedoch fesselnd mitzuerleben wie es geschah. Ein fettleibiger Fahrgast schien zu Beginn lediglich den Verstand zu verlieren, er begann zu brüllen wie ein Verrückter und riss sich das viel zu enge Hemd von seinem feisten Leib. Herr Schnitzler hatte den Fettsack dafür verachtet – doch schließlich hatte er aufgehört zu lärmen und war friedlich entschlafen. Der junge Störenfried von letzter Woche fing unter heftigen Zuckungen an zu weinen; wie ein kleines Mädchen. Danach hatte sich der junge Mann in die Hose gepisst. Die anderen Fahrgäste waren entsetzt gewesen. Achja. Die Fahrgäste. Wenn sie seiner anonymen Arbeit als Zeugen beiwohnten dann erschraken sie zunächst und es wurde unruhig – doch mit dem Tod kam die Stille. Ja, die Ruhe breitete sich dann aus wie der blaue pulsierende Punkt in der Werbung für Rheumasalbe. Wirksam und zuverlässig.
Deshalb arbeitete er gerne in öffentlichen Verkehrsmitteln. Und weil die Sitzreihen nahezu ideal auf seine Bedürfnisse ausgerichtet waren.
„Nächster Halt – Rosengasse“, verkündete das Fräulein vom Band.
Schnitzler zog die Spritze mit der klaren Flüssigkeit aus einer seiner Ampullen auf, deren gelbes Etikett ein Totenkopf zierte. Dann klopfte er prüfend gegen die Spritze.
In den letzten Wochen hatten Fernsehen und Presse nur ein Thema gekannt. Die Sauren Gurken. Schnitzler hielt sie für einen Haufen von Unruhestiftern und Grünschnäbeln. Von überallher stürzten Bilder und Berichte über die medienwirksamen Gurken auf ihn ein und die grüne Gefahr begann sich wie ein Lauffeuer zu verbreiten. Da liefen tatsächlich Tunichtgute mit Gurken-T-Shirts durch die Straßen um Solidarität mit den Terroristen zu bekunden. Wie passend, dass der Herr, der neben Herrn Schnitzler an der Bushaltestelle gestanden hatte, es für nötig hielt einen Gurkenpin am Jackett zu tragen. Wie passend, dass Herr Schnitzler einen Platz hinter ihm gefunden hatte. Wie passend, dass sein Vordermann in die Lektüre der Tageszeitung vertieft war.
Wie passend.
Herr Schnitzler injizierte ihm das Gift in den Hals.
Peter Salzmann, die rechte Hand von Seegurkenleutnant Spreewald, spürte einen stechenden Schmerz knapp unter seinem rechten Ohr.
„Was zur …“, sagte er, griff sich an den Hals und drehte sich um. Ein alter Herr lächelte ihn freundlich an.
„Wie geht es ihnen?“, fragte der alte Mann.
Salzmann antwortete nicht. Er bekam Herzrasen und seine Zunge verkrampfte sich. Als er um Hilfe rufen wollte, brachte er nur ein Röcheln hervor. In panischer Angst versuchte er aufzuspringen, doch seine Beine versagten. Er brach zusammen und rutschte auf den Boden vor seinem Sitzplatz. Weisser Schaum rann aus seinem Mundwinkel und spritzte unter den wilden Zuckungen seines Körpers auf den orangefarbenen Bezug seines Sitzplatzes.
Als die anderen Fahrgäste auf ihn aufmerksam wurden war Salzmann bereits tot. Der Busfahrer hatte bereits an der Haltestelle angehalten und entließ den alten Herrn Schnitzler in eine Welt, die wieder etwas friedlicher geworden war. Als er die Stufen aus dem inneren des Busses unsicher herabstieg presste er das lederne Etui in seiner Jackentasche dicht an den Körper.
