“Baise-moi – Fick mich” von Virginie Despentes

22. Juni 2008
von

(dt. Ausgabe / rororo) Thriller / Szenedrama / Skandalnudelei
Wusste gar nicht, dass der (mir noch unbekannte) Film eine Romanvorlage hat (von der Regisseurin selbst geschrieben), aber als ich das schlanke Büchlein für 3,- Euro auf’m Grabbeltisch sah, hab ich doch mal zugegriffen.

Tja…generell gar nicht schlecht. Hat teilweise eine mitreissende, durch und durch verkommene Stimmung und ist vor allem (entgegen den Reflexen der Kritikerdeppen) keineswegs eine feministische Heldinnengeschichte, sondern einfach nur die von zwei Mörderinnen. – - – Egoistischen, miesen, sadistischen Mörderinnen, die, einfach nur mal, um’s gemacht zu haben, einem Fünfjährigen ins Gesicht schießen und (aus Gründen wirrer Emotionalität einer der beiden) lediglich Arabern nichts tun (ich will jetzt nicht in Klischees verfallen, aber gerade die zu verschonen riecht für mich nicht unbedingt nach Geschlechterkampf).
Dabei enthält sich die Autorin jeder Wertung. Sie schildert nur aus wechselnder Sicht die Gedanken und Gefühle ihrer Figuren, in all ihrer Willkür. Wie gesagt, zum Teil durchaus von morbidem Charme.

Ein Problem ist aber, dass das Buch doch sehr gewollt einen auf Skandal macht. Zum Teil hatte ich das Gefühl, die Autorin habe nachher nochmal lektoriert, um auch bloß genug Kraftausdrücke auf jede Seite zu pressen. Daß ihre Heldinnen ständig Pornos gucken und lesen, obwohl sie nicht lesbisch sind, wirkte auch etwas auf billige Schmutzigkeit ausgerichtet. Viele ihrer Exzesse (wenn zum Beispiel die eine von ihnen auf einen Hotelzimmerteppich menstruiert und sich Mühe gibt, es zu verteilen) sind einfach nur selbstzweckhaft und platt.
Das andere Problem ist, dass die Charaktere nicht allzu sauber ausgearbeitet sind und sich gerne überlagern. Mir ist schon klar, dass es darum geht, wie ähnlich sie sich sind, aber wenn eine als gebildet, die andere als prollig dargestellt wird, dann sollte nicht gerade die letztere Dinge wie “Ich will hier ja nun kein marxistisches Sprüchlein ablassen, aber…” sagen. Klar kann sie wissen, was Marxismus ist, aber es passt einfach nicht, wenn der Rest ihres Textes bloßes “Hey, komm Dicke! Dem fetten Arsch ballern wir seine Scheißklöten weg, ey!” ist. Und wenn ein Roman sich in Ekel suhlt, ohne seinen Figuren wirkliche Aufmerksamkeit zu widmen, dann macht das auf mich nicht den besten Eindruck.

Überrascht war ich übrigens, wie gut mir das Ende dann gefiel. Bei zwei unsympathischen Hauptfiguren, die mit ihrem baldigen Tod rechnen und ihn nicht fürchten gibt es nicht viele Chancen, befriedigend abzuschließen, aber mir wurde beim letzten Absatz doch ein hämischen Lächeln gegönnt, was mich mit vielem wieder versöhnte.

(Dirk Jürgensen)

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