„Opernball“ von Josef Haslinger

24. Juli 2006
von

„Opernball“ von Josef Haslinger (1995)
(dt. Ausgabe/Fischer Taschenbuch) Polit-Thriller

Nicht unbedingt weird, aber Gott sei Dank fiction ist der Roman des Österreichers Haslinger, der vor längerer Zeit mit Heiner Lauterbach und Franka Potente fürs Fernsehen verfilmt wurde.
Wer die grobe Zusammenfassung der Handlung liest oder hört – nachdem die Gäste des Wiener Opernballs bei einem Giftgasanschlag ermordet wurden, recherchiert ein Journalist, dessen Sohn unter den Opfern war, die Hintergründe – geht vermutlich mit recht geringen Erwartungen an das Buch: Halt ein Polit-Thriller, und da er in Österreich spielt, werden schon irgendwie die Gesellschaft und die Regierung die wahren Schuldigen sein.
Doch weit gefehlt!
Zwar kommen Regierung und Gesellschaft tatsächlich nicht allzu gut weg, aber ein gewöhnlicher Thriller ist „Opernball“ ganz und gar nicht.
Schon formal besteht der Roman nur zu etwa einem Drittel aus der Ich-Erzählung des Journalisten, der Rest sind Abschriften von Bandaufnahmen, auf denen er zwei Überlebende des Anschlags, einen an dem Tag Dienst habenden Polizisten und einen der dahinter steckenden Terroristen interviewt. Die fünf Erzähler werden stilistisch deutlich, aber nicht überzogen voneinander abgesetzt und Haslinger schafft es, jeden von ihnen plausibel und nachvollziehbar darzustellen: Der Polizist ist zwar ein einfältiger, reaktionärer Aufschneider, dem der Knüppel etwas zu locker sitzt, aber man kann sich einer gewissen Sympathie nicht erwehren. Der Terrorist ist natürlich ein hundertfacher Massenmörder, aber seine Motive sind glaubhaft und entbehren nicht einer morbiden Faszination.
Besonders hier ist es dem Autor anzurechnen, dass er keine thrillerüblichen 08/15-Nazis/Anarchisten/Islamisten benutzt, sondern ihnen eine eigene, ultrarechte christliche Ideologie gibt, in der Hitler zwar als eine Art Prophet gilt, die letztendlich jedoch das Tausendjährige Reich Christi anstrebt.
Diese wirren Macht- und Gewaltphantasien, sowie die archaisch anmutenden Schlachtenszenen, die der Polizist von seinem Einsatz bei einer Demonstration schildert, machen den Hauptteil der fesselnden Atmosphäre des Buches aus.
Weniger originell ist allerdings, dass natürlich wieder aus jedem Winkel die Nazivergangenheit des Landes hervorlugt, doch das ist wohl bei deutschsprachiger Literatur noch immer unvermeidbar und tut dem Werk auch keinen Abbruch.
Sensible Leser seien jedoch gewarnt: Nicht nur das qualvolle Sterben auf dem Opernball wird in grausigen Farben ausgemalt, auch in den Geschichten des Polizisten und Terroristen fließen verschiedenste Körperflüssigkeiten in größeren Mengen. Dabei ergeht sich der Autor jedoch nicht in selbstzweckhafte Ekelorgien sondern geht nur konsequent mit der Materie um.
Wer nicht allzu schwache Nerven hat sollte sich deshalb also nicht davon abbringen lassen, diesen meisterlichen Roman zu lesen – unter den Gesichtspunkten der heutigen Post-9/11-Gesellschaft bekommt er eine ganz neue Faszination!

Dirk M. Jürgens

Tags:

One Response to „Opernball“ von Josef Haslinger

  1. enschki am 15. Mai 2007 um 19:34

    mh

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

das Archiv durchsuchen